Freitag, 20. Juli 2018

Ganz klassisch: das Marmorpalais - Potsdam Neuer Garten - Strictly Classical: The Marble Palace

Friedrich Wilhelm II. ist jetzt König und möchte auch passend dazu wohnen. Nicht, dass das Schloss Sanssouci unpassend gewesen wäre, aber das war das Schloss seines Onkels und Vorgängers auf dem Thron, Friedrich II. Die beiden mochten sich nicht. Der Alte Fritz hat es seinem Vater übel genommen, dass sein jüngerer Bruder, der Vater seines Neffen Friedrich Wilhelm, ihm vorgezogen wurde. Der König mischte sich in die Erziehung und Ausbildung des Jungen ein und wünschte aus ihm ein Abziehbild seiner selbst zu machen. Allerdings war Friedrich Wilhelm ein ganz anderer Schlag Mensch und als er seinen Onkel beerbt hat, hat er einen Großteil des ideellen Erbes ausgeschlagen. Während Friedrich II. ein aufgeklärter Monarch war, das Französische bevorzugte, Barock und Rokoko liebte, führte Friedrich Wilhelm eine verschärfte Zensur und ein Religionskontrollwesen ein, an deutschen Theatern wurden deutsche Dichter gespielt und sein Schloss war ein klassizistisches. Er war ein großer Kunstmäzene und ein durchaus talentierter Musiker. Worin er wiederum seinem Onkel ähnlich war.
Das Schloss, das seinen Namen von dem grauen und weißen schlesischem Marmor erhielt, mit dem die Fassade gegliedert ist, war anfangs ein schlichter quadratischer Bau aus rotem Backstein mit zwei Etagen und von einer Art Rotunde gekrönt, von der man die schöne Aussicht genießen kann. Also, damals. Heute darf kein Besucher mehr hinauf, weil die Abmessungen der Geländer nicht den neuesten Sicherheitstandarts entsprechen. 
Alles andere kann besichtigt werden. Unter Aufsicht des Museumspersonals, das heißt, mit der Eintrittskarte bucht man eine Führung. Ich mag Führungen nicht, ich bin gerne ungestört unterwegs und möchte nicht von Raum zu Raum gescheucht werden. 
Ich erscheine pünktlich am Treffpunkt und ein Herr in Uniform meint, er käme gleich. Und dann war er da und ich stellte fest, dass die Gruppe aus genau einer Person bestand, aus meiner Wenigkeit. Solche Führung mag ich. 
Das Schloss ist relativ gut erhalten, obwohl es eine durchaus wechselvolle Geschichte durchlebt hat. Der König war 43 Jahre als der Bau 1787 begann. Auf dem Portät, dass aus dieser Zeit stammt, sieht er zehn Jahre älter und krank aus. Er herrschte elf Jahre lang und verstarb 1797 in seinem klassizistischen Schloss. Übrigens das erste seiner Art in Preußen. 
Die Räume im Untergeschoss sind die privaten Wohnräume des Königs und seiner zweiten Frau Friederike Luise, im zweiten Stockwerk waren die Empfangsräume und der Ballsaal. Diese Umkehrung der üblichen Platzaufteilung ist vermutlich der fortschreitenden Krankheit des Hausherrn geschuldet, der wahrscheinlich nicht mehr gut Treppen steigen konnte. Es ist fraglich, ob er jemals die schöne Aussicht vom Dachaufbau genossen hat. 
Die Leichtigkeit des Klassizismus in der Ausgestaltung, der Bemalung und im Interieur hat am Ende sein Leben nicht leichter werden lassen. 
Sehr speziell ist sein Arbeitszimmer mit dem Drachenkopf, der heiße Luft ins Zimmer bläst und das Musikzimmer, wo man sehr gut erkennen kann, wie die Sanierung betrieben wurde. Alles, was durch Pläne, Zeichnungen oder Fotografien belegt war, wurde detailgetreu erneuert. Dort, wo es keine Originale mehr gab, wurde nichts ‚hinzugedichtet‘. So entsteht, vor allem im Haupthaus ein sehr konkretes Bild eines royalen Haushalts in dieser Zeit. 
Das Essen wurde in einer externen Küche gekocht, das verminderte die Brandgefahr. Die Küche ist ein halbversunkener Tempel und ein unterirdischer Gang verbindet beide Gebäude, im Winter war bestimmt das Essen kalt, wenn es auf den Tisch kam. 
Andererseits war es ein Wassergrundstück, neben der Terrasse führten zwei Treppen zum Bootsanleger und so konnte der König Kahnfahrten unternehmen, zum Beispiel nach Berlin Charlottenburg, das mochte er. 
Die beiden Seitenflügel wurden später erweitert und waren erst im Rohbau fertig, als der König starb. Richtig fertig gestellt wurden sie erst rund 40 Jahre später, als Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I. hier kurzfristig wohnte. Etliche Leute wohnten hier irgendwie kurzfristig, bis sie in andere Schlösser umzogen, und das merkt man beim Rundgang durch die Seitenflügel. 
Nach dem Ende des 1. Weltkriegs ging auch die Geschichte der preußischen Könige zu Ende und das Marmorpalais wurde bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts Museum. Im nächsten Krieg wurde ein Teil schwer beschädigt und ein Gärtner rettete ein großes Wandgemälde aus den Flammen, viele andere Möbel und Kunstschätze waren ausgelagert worden. 
Nach dem Krieg wurde es Offizierskasino der Sowietarmee, was durchaus einige zusätzliche Beschädigungen mit sich brachte. In der DDR war es dann Armeemuseum. Bin mir nicht sicher, ob der Erbauer das so gut gefunden hätte. Aber für das Haus als solches war es gut, das Objekt wurde gepflegt, erhalten und restauriert. Immer wieder und über lange Zeit.
Nun ist alles fertig, Wände und Decken frisch gestrichen oder schick tapeziert, Möbel mit Seide bezogen und als Schutzschild gegen Motten dürfen sich Schlupfwespen im Schloss aufhalten. 
Beeindruckend fand ich die Designs der Holzböden, die mich an Zeichnungen von M.C.Escher erinnern und die ich zeitlich sicher nicht im ausgehenden 18. Jahrhundert verortet hätte. 
Das Schloss ist definitiv einen Besuch wert, es gibt viele wunderschöne Dinge zu sehen, zum Beispiel die vielfarbigen Wegdwood-Porzellanvasen, die das Königspaar mit Leidenschaft sammelte, es gibt viele interessante Anekdoten zu hören und man lernt sehr viel über preußische Geschichte, die dann ja irgendwie zur europäischen Geschichte wurde, und natürlich viel über komplizierte und zum Teil unerquickliche familiäre Verstrickungen und die Tatsache, dass man trotz hohem gesellschaftlichen Rang, ohne finanzielle Not, ohne Existenzängste zeitlebens ein unglücklicher Mensch sein kann...

english version below




 Tür im klassizistischen Stil, stammt aus dem Berliner Stadtschloss und hat den Abbruch überlebt - Door in classicist style, originally from the Berlin Town Castle, where it survived the demolition









Eine brandenburger Uhrmacherfamilie wirkte 40 Jahre an dieser Uhr, sie zeigt neben der Zeit auch den Kalender, Sonnenauf- und untergang, sowie die Mondphasen an - A Brandenburg clockmaker family worked 40 years on this clock, which shows the time, the calendar, sunrise and sunset and the moon phases


               Das leuchtende Blau, typisch für den Klassizismus - The shiny blue colour, typical for the                                                                        classicist style





Das Design der Parkettböden und die kleinen Kautschuk-Rollen unter den Sesseln, die den Boden vor Beschädigung schützen sollen.

The design of the floor and the little wheels on the chairs made of caoutchouc to prevent the floor from damage.


Fehlende Wandbemalung, weil kein Original vorhanden war.
Missing parts of the wall design, because no original was available



                                                   Der Heiz-Drache - The heating dragon


                              Treppenhaus mit Originalleuchter, dem einzigen, der noch existiert.
                                     Stairway with original lantern, the only one still existing.

                                    Marmor! Marmor überall - Marble! Marble everywhere



                                   Ein Blick hinaus in die Rotunde - A view into the rotund


 Das Röhrchen ist die Heimat der Schlupfwespen, die die Motten in Schach halten. The little tubule is
                           the home of the ichneumons which are fighting against the moths.

 Der blaue Saal, allerdings ist die Blaufärbung des Marmors nur noch an lichtgeschützten Stellen erkennbar und man kann ihn nicht streichen. The Blue Hall, but the blue colour of the marble is only
               to be seen in corners where not light can hit, and the marble can't be painted.




                                           Wedgwood Porzellan - Wedgwood porcelain


                Der orientalische Salon, also, was man für orientalisch hielt, wenn man nie da war.
                         The Orient Salon, or what you thing is oriental when you never been there.








      Das Ankleidezimmer, Raum zwischen Privat (Schlafzimmer) und Offiziell (Empfangsräume)
                 The dressing room, space between private (bed room) and official (meeting rooms)


 Das Schlafzimmer, sein Sterbezimmer, etwas unscharf, weil abgedunkelt, um die Farben zu erhalten.
      The bed room and his dying room, bit blurry, but the rooms are quite dark to protect the colors.






                                              Das gerettete Gemälde - The saved picture









         Das erste Bad im Schloss, damals mit Wanne und nebenan eine Toilette mit Wasserspülung, installiert Mitte des 19. Jahrhunderts. - The first bathroom with a tub and a water flush toilet beneath,
                                            added in the middle of the 19th century



   Die Marmorkolonnaden, der König war zu krank, als dass man hätte auf Marmor aus Schlesien  
   warten können, diese stammen aus dem Park Sanssouci und wurden hier verbaut. - The marble
     columns, the king was too sick to wait for Silesian marble, those have been taken from Park
                                                              Sanssouci and built in here.


Friedrich Wilhelm is king now and wants a suitable living place. Not that Sanssouci castle wouldn’t be good enough, but it was the castle of his uncle and predecessor at the throne, Friedrich II. Both disliked each other. The Old Fritz took amiss that his father favourite his younger brother, the father of his nephew Friedrich Wilhelm. He interfered in the education and study of the boy and wanted him to be a kind of copy of himself. But Friedrich Wilhelm was a totally different kind of person and when he took over from him, he refused to take the most of his non-material heritage. While Friedrich II was an enlightened monarch, who prefers French over German and loved baroque and rococo, Friedrich Wilhelm enlarged censorship and control of religious policies, at Germans theatres only Germans poets will be played and his castle was a classicit one. He was a huge art patron and a quite talented musician. Like his uncle.
The castle, named after the white and grey Silesian marble, which is used to structure the veneer, was first a simple quadratic building made of red brick stones with two floors and crowned by a rotund, to enjoy the beautiful view. That means, in former times. Today it’s closed, because the measurements of the handrails don’t fulfill the high expectations of modern security ideas. 
Anything else can be visited. Under the guidance of an museum’s employee, to make it short, you by a guide with the ticket. I dislike guided tours. I’m better on my own, I don’t want to be rushed from room to room. 
I’m there just in time at the meeting place and a man in uniform tells me, he will be there in a second. And there he was and suddenly I realised, the visitor group is just one person, me. I like those kind of guided tour much. 
The castle is in good shape, even though it went through a very interesting history. The king was 43 when the construction started back in 1787. On a portrait from this time he looks ten years older and sick. He reigned eleven years and died in 1797 in his classicist castle. The very first one in Prussia at all. 
The rooms in the ground floor have been the private living rooms of the king and his second wife Friederike Luise, in the second floor have been the official rooms and the ballroom. This inversion of the inside structure could be a result of the kings illness, maybe walking stairs was too exhausting for him. It’s not know, if he ever managed to climb up on roof top to enjoy the beautiful outlook. 
The levity of classicism in design, paintings and interior didn’t make his life easier in the end. 
Very special was his study with a dragon head used as a heater by blowing warm air in the room and the music room, where one can see how reconstruction worked. Anything that was proofed by construction plans, drawings or photographs was exactly reconstructed, what was lost, is lost and gone for good. There is nothing added. In this way one gets a very clear impression how a royal household at that time worked. 
The food was cooking in a separate house, which looks like a half in the ground sunken ancient temple, that was for safety reasons, to avoid fire. The kitchen was connected through a tunnel with the castle and I guess during winter time the dinner was already cold when it was put at the table. 
On the other hand, it’s a water property, beside the terrace are stairs leading down to a pier, so the king could go on a boat tour, maybe to Berlin Charlottenburg. It’s told, he liked that. 
Both side wings have been added later and haven’t been finished, when Friedrich Wilhelm died. It was about 40 years later when the construction was done, the time prince Wilhelm, the future emperor Wilhelm I lived here for a short period before he moved into another castle. Some other families lived here too for a short while and it’s to be seen in the rooms in the side wings. 
After the end of World War I to reign of the Prussian kingdom came to an end as well and the Marmorpalais became a museum in the 30s of last century. In the next war one side wing was hit by a fire bomb and one gardener rushed over to rescue a big painting from the wall. Most of the furniture and art work was already taken away and into safety. 
After the war it was turned into an officers’ mess of the Soviet army what have caused additional damage. During the G.D.R. period it was an Army Museum, not so sure of the first owner would have liked that. But the house itself liked it, it was maintained and renovated. Again and again.
At the moment it looks gorgeous, the walls and ceilings with fresh paint or wallpaper, the furniture are covered in silk and against the moths ichneumonids are living in the castle. 
Very impressed I was by the wooden floor, the design reminds me of M.C.Escher and I would have never guessed it’s from the late 18th century.
The castle is absolutely worth a visit, so many beautiful things are here to be seen, for instance the collection of Wedgwood porcelain in many different colours, collected by the king and his wife with passion, astounding stories to be heard and one will learn so much about Prussian history what leads directly into European history, and of course much about complicated and partly unpleasant family connections and the fact, that a high position in society, power, wealth and all that won’t protect you from being not really happy all your life...

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